man muss mit dem rennrad nicht von wien nach triest fahren! 

spass macht es trotzdem!

über die wiederentdeckung eines beinahe klassikers

wien - graz

es war ein frischer septembermorgen “mit prachtvollem wolkenlosem himmel” an jenem 24. im jahr 1892 als lange vor der 10. stunde 16 radwettfahrer in inzersdorf “nächst wien” eintrafen. ihr ziel: das erste strassenrennen nach trieste über 500 km möglichst als sieger zu beenden. gewonnen hat der wiener josef sobotka vom verein wanderlust nach 28 stunden und 45 minuten. das rennen war ein “colossaler” erfolg, fand danach jedoch nie wieder statt!

es dauerte 127 jahre bis sich - der morgen war ebenfalls frisch, und fürs erste nicht ganz so prachtvoll - bereits kurz nach der 6. stunde exakt 21 radrennfahrer und drei radrennfahrerinnen wieder auf den weg von wien nach triest machten. ihr ziel: eine 550km lange radfernfahrt auf den spuren der originalen rennstrecke. 
die fahrt war auch diesmal ein großer erfolg. 

hat man die stadt nach inzersdorf - mittlerweile längst ein teil wiens - verlassen, wartete mit der laxenburger allee in der morgensonne ein erster stimmungsvoller höhepunkt. die routenwahl folgt 2019 zwar im großen dem original, gibt aber im detail kleineren, verkehrsarmen strassen den vorzug. attraktivität vor originalität! und so fahren die langstreckenradfahrerinnen hinter guntramsdorf erst einmal einige kilometer entlang des pittoresken wiener neustädter kanals. jener lebensader auf der früher die güter richtung wien eingeschifft wurden. lange vor der südbahn und erst recht vor der südautobahn.

nach der unterquerung letzterer auf höhe bad vöslau werden die straßen breiter, das tempo höher und in bad fischau gabs nach ca. 55km den ersten stop. café und bäckerei bewältigten den ansturm der schon leicht unterzuckerten radfahrerinnen erstaunt aber gut gelaunt. trotzdem werden sie diesen morgen so schnell nicht vergessen.

1892 verlief die frühphase nicht ganz so harmonisch. die rennradfahrer hatten es bei theresienfeld mit aufgestachelten lastfuhrwerkern zu tun. revierforstmeister cizek hatte ihnen den auftrag erteilt die radfahrer “niederzufahren”. und tatsächlich wurde freiherr von esebeck von seiner “maschine” gerissen. was später zur rennaufgabe führte.

der wahrscheinlich größte unterschied zu heute war, neben dem zustand der strassen und den rädern, die tatsache, dass das abenteuer damals als nonstopfahrt angelegt war. die fernfahrt 2019 hingegen moderater weise auf drei tagesetappen. willkommen im zeitalter des bikepacking! heisst jede fahrerin, jeder fahrer hat alles was er die nächsten drei tage so braucht bei sich. auch um essen, trinken und schlafen muss man sich selber kümmern.

nach ereignisarmen und zügigen durchfahrten durch ternitz und gloggnitz beginnt die strasse leicht anzusteigen. es wird wärmer! aussen wie innen. und so kam es in schottwien am beginn der adlitzgräben zu einem kollektiven teilsstriptease in 
der vormittäglichen sonne. 

ganz kaiserlich könnt einem werden. war doch der nun anstehende semmering, ehedem ein für sommerfrische und andere vergnügungen bevorzugter ort der wiener groß- und nicht ganz so großbürger. auch dank der semmering bahn - mittlerweile weltkulturerbe -, die kaiser franz josef 1854 gemeinsam mit dem architekten carl ritter von ghega erstbefahren hat.

die 400 höhenmeter sind sowas wie der frühe höhepunkt der fahrt an die obere adria.
höher hinauf gehts danach nicht mehr.

kaum klettern die steigungsprozente steigt auch die atemfrequenz im feld, und aus einer bislang entspannten gruppenfahrt auf den ersten 90km wird nun ein erster showdown hinauf zur passhöhe. wobei - fun fact - die damaligen pneumatic-niederräder ohne gepäck nicht viel schwerer waren als die räder samt zuladung heute.

sobotka erreichte um 1 uhr 55 als erster die passhöhe. gefolgt von fischer und bachmann.

bei nur wenigen graden plus auf der passhöhe war ein supermarkt die labe- und aufwärmstation der wahl. auch hier sorgte der kulminierte auftritt der radfahrerinnen, die sich hinter der panoramascheibe in der sonne stärkten und wärmten, für nachhaltig große augen bei mitarbeiterinnen und kundinnen.

heute wie damals ging es in “flottester fahrt” den semmering hinab. ab mürzzuschlag, geburtsort der einzigen österreichischen literaturnobelpreisträgerin, durch das mürztal schlängelnd, immer ein wenig bergab. kindberg, die selbsternannte perle des mürztals, war so schnell erreicht. doch ausgedehnte energiezufuhr in form von kaffee, kuchen etc. - auch das erste bier wurde gesichtet - ließen die durch das windschattenfahren erzielten zeitvorteile schnell wieder makulatur werden. 

1892 wurde das mit dem essen schneller und dabei höchst elegant gelöst. einige fahrer hatten ihr essen für graz einfach per telegramm vorbestellt.

2019 rollte das feld - nach dem ersten platten reifen kurz nach bruck/mur - zügig gen süden. unterbrochen nur durch einen kurzen kulinarischen gruppenstop in frohnleiten.

nach ca. 220km war in graz dann aber fürs erste schluss! die letzten der insgesamt 1.600 höhenmeter an diesem tag gehen dabei auf das konto des finalen anstiegs hinauf zum grazer uhrturmwahrzeichen. 

bei traumwetter lag den radfernfahrerinnen nun graz zu ihren müden beinen und füssen. immerhin befinden wir uns in der stadt des johann puch, jenem steirischen radpionier, sportler und radfabrikanten der seit 1889 in der stadt fahrräder herstellte. 
leider war damit 1987 endgültig schluss.

auf die radfernfahrerinnen wartet schon das rathaus mit einem kleinen kurzweiligen empfang samt großzügigem buffet. ansonsten blieb es 2019 relativ ruhig in der stadt.

1892 herrschte da schon etwas mehr aufregung.
"Die Centrale in Graz, aufgeschlagen im Café Thonethof, war ununterbrochen von Hunderten Menschen umlagert, die jede neue Phase des Rennens wissen wollten. Die einlaufenden Telegramme wurden sofort an den grossen Spiegelscheiben … in der Hauptader der Stadt, der Herrengasse, … affichiert.
zwischenstand: sobotka vor fischer und wokurka

für die radrennfahrer begann 1892 - nach durchaus deftigem essen, massagen und kalten abreibungen im hotel engel - eine lange fahrt durch die nacht. für die randonneure der gegenwart eine nicht ganz so lange in den betten von graz.

graz - ljubljana

bereits kurz vor sieben uhr versammelt sich an einem weiteren frischen sonnigen und noch ruhigen morgen vor dem hotel weitzer, das 1892 noch engel hieß, die nunmehr auf gut 40 radfahrerinnen angewachsene gruppe. vor allem der frauenanteil ist auf ein viertel gestiegen.

an den ehemaligen puch werken vorbei fuhr das feld sodann in herbstlich meditativer stimmung (hat wer müde gesagt?) über den wildonerberg nach ehrenhausenund erreichte nach ca. 60km spielfeld und damit slowenien.

kurz vor maribor dann eine herausforderung der besonderen art. galt es doch einen autobahnknoten gesetzeskonform per radweg zu überwinden. noch heute wird über die planerischen “finessen” der radweggestaltung gerätselt. nur so viel - einen radweg als tiefsten punkt durch den innersten kreis des knotens zu führen hat nicht nur vorteile. und führte auch prompt zum zweiten platten der ausfahrt.

der ärger ist jedoch schnell verflogen und im stadtzentrum gibts an der sonne und nach bereits 75 gefahrenen kilometern ein verdientes critical mass frühstück. im üblichen trubel des “wo bleibt denn mein… “ und “ich würde dann doch gerne auch einmal bezahlen…” gelang es einer 12 köpfigen gruppe sich vorzeitig abzusetzen. 
vereinzelte proteste blieben fast ungehört. 
was zu diesem zeitpunkt noch keiner ahnen konnte, diese gruppe blieb bis zum ende der tagesetappe in ljubljana vorne. erwieß sie sich doch als die harmonischere und auch glücklichere, weil pannenfreie, an diesem tag.

das streckentechnische highlight der zweiten etappe ist neben dem ornithologischen schutzgebiet bei rače südlich von maribor zweifelsohne die sich immer wieder mit der südbahntrasse kreuzende wildromantische hügel- und rampenorgie zwischen pragersko und celje. vor allem nach den mittlerweile doch bereits 120 absolvierten tageskilometern eine echte ansage an die nicht mehr ganz taufrischen beine.

entlang der savinja ging es direkt zur überraschung des tages, einer einspurigen hängebrücke! unter teils heftigem schauckeln ging es teils schiebend, teils fahrend über den fluss und durch kleine romantische dörfer an den fuss des trojane.

oder mit der allgemeinen sport-zeitung: “nun kommt der starke berg gegen trojana.”

heute bekannt als “krapfenpass”. über die XL krapfen kann man geteilter meinung sein. berühmt und berüchtigt sind sie allemal. der berg selber hat für viel vorauseilenden respekt gesorgt. zum einen erhebt er sich nach beinahe 200 tageskilometern, zum anderen klingt er recht mächtig. gibt sich aber aus der nähe ganz zahm. die knapp 300 höhenmeter verteilen sich auf gut 10 km und steil ist es auch nirgends. und so waren die echten bergfahrer fast etwas enttäuscht, die meisten an diesem tag jedoch erfreut darüber dass er kürzer und harmloser war als befürchtet.

sobotka, noch immer weit voraus, erreicht ziemlich “fertig” die höhe um 5 uhr 38 minuten früh.”

in strahlendem sonnenschein geht es bergab richtung domzale. was in der zweiten hauptgruppe leichte bis mittelschwere gruppendynamische irritationen verursachte. so manche in den wind gesetzte und zeitweilig abgehängte konnten und wollten sich nicht so ganz mit diese tatsache anfreunden. 

spätestens beim zweiten afterride beer im zentrum ljubljanas war dann alles wieder im lot. damit war die zweite und längste der tagesetappen an einem sehr guten ende. für viele waren die ca. 230km (und 1.700hm) die längste je an einem tag gefahrene strecke. für einen großteil der (ab graz) mitfahrenden damen überhaupt der erster 200er! gratulationen!

1892 war es für den führenden sobotka "bei schönem aber kaltem wetter" an dieser stelle 7:42 in der früh am zweiten tag des rennens. fischer und wokurka passierten laibach 
eine halbe stunde später.


2019 wartet nun dusche und abendessen. im zuge dessen wurde nicht nur ein restaurant an seine gedulds- und kapazitätsgrenzen gebracht, es gesellte sich spätabends auch jene splittergruppe zum hauptfeld, die von graz aus in zwei tagen über die berge nach laibach unterwegs war. um am nächsten tag dann wieder eigene wege zu befahren.

ljubljana - trieste

die mittlerweile dritte etappe startete (wieder einmal) bei strahlendem sonnenschein.
auf dem weg nach vrhnika/oberlaibach und weiter hinauf nach logatec gings teilweise noch etwas müde dahin. der kollektive verzehr fast aller riegelvorräte u.ä. brachte energie zurück,
und rauf gings in den wald von rakek.

ob seiner malerischen schönheit war kollektive verzückung angesagt.
doch gerade als es so richtig rund lief und richtung planina fast schon in richtung postkartenidyll abzudriften begann, hiess es plötzlich: 
nichts geht mehr! absteigen! strassensperre!

manche hatten es (ob eines hinweises kurz vorher) kommen sehen, manche gaben sich überrascht. der versuch einiger die brückenbaustelle zu durchwandern wurde von den arbeitern bestimmt aber sanft verhindert. dankenswerter weise gabs aber freundlich sachdienliche hinweise in richtung umleitung. über weg und feld war damit auch der skurrilste und originellste part der ganzen strecke schnell gefunden und befahren.

kaum war das hauptfeld bei planina wieder auf der strasse begann die knackige steigung hinauf nach postojna.1892 kam es genau hier zu einer “gewaltigen” verschiebung im klassement. die 30 minuten vorsprung von sobotka hatten sich in einen dreiminütigen rückstand auf wokurka und fischer verwandelt. über die gründe konnte 
nichts in erfahrung gebracht werden.

2019 kam es in den rhythmischen serpentinen zu einem letzten showdown der testosteronabteilung. früh wurde der bergsprint angezogen, für den einen oder anderen zu früh. die zurückliegenden bereits 500km haben dann doch 
unterschiedlich an den kräften gezehrt.

nach einem letzten kaffee samt dem schon obligaten überfall einer bäckerei und eines supermarktes in postojna ging es teils flott bergab italien entgegen. verglichen mit 1892 als es via opicina hinunter nach trieste ging, stand 2019 nicht der kürzeste weg dafür aber einer der schönsten auf dem streckenplan. mit einem kleinen letzten austieg nach monrupino.

die temperatur ist mittlerweile auf spätsommerliches niveau gestiegen und die vorfreude auf das nicht mehr ferne ziel auch. ein teil verschwand noch kurz in der wallfahrtskirche monte grisa (auch als brutalbetonklotz bekannt). vorwiegend aus architektonischem interesse.

der kleine wohlklingende ort prosecco war letzter sammelpunkt. ein großgruppenbild mit ausblick auf trieste musste noch gemacht werden. auf den prosecco selbst wurde verzichtet, da die reisegruppe bereits von einem lotsen aus triest empfangen, und am alten leuchtturm vorbei zur piazza dell'unita geleitet wurde. 

dort wurden die radfahrerinnen von kolleginnen und kollegen des triestiner radclubs „gentlemen” samt vereinswimpel aufs freundlichste begrüßt.
was, wegen der mitgereisten damen :)), sogar der stadtzeitung
il piccolo einen bericht wert war. die wiederum gibt es bereits seit 1881 und hat womöglich schon über das damalige rennen berichtet.

„triest! triest das ziel! es ist nicht leicht möglich, das ziel eines rennens unscheinbarer auszustatten … beim ersten derartigen und größten rennen österreichs … gar nichts als eine rote fahne … triest entwickelte auch nicht das geringste sportliche interesse, …
zwei staubwolken wirbeln dicht hintereinander auf ... und sobotka um
2 uhr 45 secunden fliegt durch's ziel."
„nur 35 3/5 secunden”
später erreichte otto wokurka als zweiter triest.
die beiden werden „sofort in’s hotel spedirt, wo sie nun ruhen”
knappe 25 minuten kam der dritte josef fischer. „er ist ganz wohlauf und geht sofort in’s meer!"
noch drei weitere radfahrer blieben für die „500km lange grosse reise" unter 29 stunden. „reich an hindernissen, bergen, schlechten strassen” und „fast ohne rasten”.

2019 geht niemand baden, aber auf die molo audace dem offiziellen endpunkt der reise gehts trotzdem noch. der rest ist zufriedenheit und … äh… ein wenig feiern.

zufrieden ob der schönen und anstrengenden fahrt bei prachtwetter und ob der tatsache, dass alle gesund und halbwegs munter in triest angekommen sind. außer einem kleinen umfaller ist nix passiert! auch dank der umsichtigen und rücksichtsvollen fahrweise aller mitfahrerinnen und mitfahrer! DANKE!

tja, und das mit dem feiern musste natürlich auch sein.
"pedal hard, party hard!" würden die jungen sagen.

über die genaue anzahl der getrunkenen biere, gin tonics u.a. wurde stillschweigen vereinbart!

abschließendes kurzurteil:
epyc!

epilog

kurz nachdem die letzte bar geschlossen und die ausdauerndsten radfahrerinnen und tänzerinnen (noch kurz) in ihren betten lagen kam horst k.!

horst hatte eine eigene taktik und vor allem ein ganz eigenes rad mit dem er die 565 km bewältigte. er erreichte mit seiner “drei-gang-kanone” mit kurzer schlafunterbrechung in graz und einer anschließenden fast-nonstop-fahrt samt einer durchfahrenen nacht (gemeinsam mit srečko) triest gegen 8 uhr morgens. nach netto knapp über 25 stunden fahrt! 
damit war er dem geist des originals wohl am nächsten. 
und hätte damit 1892 glatt gewonnen! :))

chapeau! 

PS:
ob es bald eine neuauflage gibt, oder ob es wieder ein paar jahre dauert… wer weiß!
die einladung des triestiner “gentlemen cycling clubs” zu seinem runden geburtstag 2020 steht jedenfalls!


PPS:
ein großes DANKE auch an michl mellnauer, wolfgang höfler und gerold lehmann die bereits 2012 die originalere originalstrecke samt stempelkarte “nachgefahren” sind, und damit die version 2019 nachhaltig inspiriert haben. vor allem aber via wolfgang wehap und die radlobby viel historisches material beigesteuert haben.